Warum die Corona-Krise für Investoren nicht nur Herausforderung sondern auch Chance ist

Kolumne von Oscar Jazdowski, Silicon Valley Bank Germany

Bildnachweis: Silicon Valley Bank.

Auch Wagniskapitalgeber hat die Covid-19-Pandemie kalt erwischt. Doch Investoren, die jetzt Mut, Flexibilität und Weitsicht beweisen, haben die Chance, gestärkt aus der Corona-Krise hervorzugehen.

Zunächst eine bittere Wahrheit: Die Corona-Krise und all ihre Folgewirkungen auf Wirtschaft und Kapitalmarkt haben im ersten Quartal des Jahres dafür gesorgt, dass sich die Stimmung in der deutschen Venture Capital-Szene deutlich eingetrübt hat. Laut KfW und dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften, die regelmäßig das German Venture Capital Barometer veröffentlichen, haben sich sowohl die Bewertungen der aktuellen Geschäftslage als auch die Bewertungen der Geschäftserwartungen massiv verschlechtert. Der Indikator für die aktuelle Geschäftslage ist um 66,6 auf -52,6 Punkte gefallen, der Indikator für die Geschäftserwartung um 77,9 auf -69,9. Und doch gibt es bereits einige positive Signale, die vorsichtig vermuten lassen: Es geht wieder bergauf. So steigt die Zahl erfolgreich abgeschlossener Finanzierungsrunden seit Anfang April wieder stetig, das weltweite Interesse von Venture Capital-Gebern an neuen Deals kletterte im Mai einem Bericht von TechCrunch zufolge sogar auf ein Zweijahreshoch.

Portfolios werden als Folge von Corona krisenfester

Zurück zur Tagesordnung, zum Business as usual vor Corona, werden die meisten Investoren jedoch kaum kehren können – selbst wenn sich der leicht positive Trend der vergangenen Wochen fortsetzen sollte. Hat die aktuelle Krise doch nicht zuletzt deutlich gemacht, wie schnell ganze Geschäftsmodelle in Ausnahmesituationen in sich zusammenfallen können. Künftig wird der Mix an Portfoliounternehmen innerhalb von Venture Capital-Fonds deshalb wohl weitaus diverser sein und verschiedene Branchen umfassen. Das bedeutet auch, dass B2B-Unternehmen wie Anbieter von Unternehmenssoftware oder IoT-Produkten für die Industrie, die die Krise in großen Teilen bislang weitaus besser überstanden haben, als Investitionsziele enorm an Anziehungskraft gewinnen werden.

Das Fundraising verändert sich

Die finanziellen Mittel für große Finanzierungsrunden, soviel steht in jedem Fall fest, sind auf Investorenseite weiterhin vorhanden. 2019 wurden rund 5,2 Mrd. EUR investiert. Dieses Geld verschwindet nicht einfach von heute auf morgen. Doch die Dimensionen von Finanzierungsrunden und Fondsgrößen könnten sich in Zukunft drastisch verändern: Weg von mega, giga, ultra – hin zu moderateren Tickets. Ein Szenario, das nicht bedeuten muss, dass damit auch die Gewinnmargen sinken. Ganz im Gegenteil. Es gilt auch weiterhin: Das Investment muss zum Bedarf des Start-ups passen und je realistischer die Investmenthöhe, desto wahrscheinlicher ist am Ende auch ein zufriedenstellender Return on Investment. Auch auf den Mix an Geldgebern, die sich für Fonds und Finanzierungsrunden zusammenschließen, könnte sich die momentane Situation zumindest kurz- bis mittelfristig auswirken. Denn während sich einzelne Privatinvestoren und Family Offices in der Krise eher zurückziehen, sind Wagniskapitalgeber und institutionelle Investoren deutlich aktiver.

Transparenz und Kommunikation sind die Gebote der Stunde

In stürmischen Zeiten wie diesen hängt auch vieles davon ab, wie gut und schnell miteinander kommuniziert wird. Dabei gilt es, immer möglichst offen miteinander zu sprechen. Sorgen und Bedenken sollten unbedingt diskutiert werden – egal von welcher Seite sie kommen. So besteht die Chance, die Beziehungen zwischen Investoren untereinander, aber im Besonderen auch die zwischen Geldgebern und Portfoliounternehmen zu stärken und damit zukunftsfest zu machen.

Fazit

Die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie ist ohne Zweifel eine enorme Herausforderung, auch für Investoren. Kaum ein Geldgeber wird komplett unbeschadet durch die Krise kommen. Doch wenn wir eines aus dem Umgang mit der letzten weltweiten Finanzkrise gelernt haben, dann dass Krisen auch Chancen bieten: So sind 41% der heutigen Unicorns, das zeigen Zahlen unseres aktuellen State of the Markets-Reports, damals gegründet worden. Auch in der Corona-Pandemie könnten innovative Pioniere demnach wieder aus der Not eine Tugend machen. Investoren, die dann mutig agieren, das eigene Portfolio zudem zukunftssicherer aufstellen, Investment- und Fondsgrößen an die neuen Marktgegebenheiten anpassen und mit offener Kommunikation ihre Beziehungen innerhalb des Ökosystems stärken, sollten für die nächste Ausnahmesituation besser gerüstet sein.

Oscar JazdowskiOscar Jazdowski ist Co-Head der deutschen Niederlassung der Silicon Valley Bank. Die Bank hat ein Büro in Frankfurt und unterstützt auch hierzulande etablierte Technologieunternehmen und deren Investoren mit dem Ziel, Innovationen zu fördern. Jazdowski verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Finanzierung von Tech-Unternehmen iSilicon den verschiedensten Wachstumsphasen – angefangen bei jungen, Venture Capital-gestützten Start-ups bis hin zu großen multinationalen Unternehmen.