Trump und die Zukunft von Moonshot Longevity-Investments

Chance oder Gefahr?

Dr. Emil Kendziorra (CEO, Tomorrow.Bio)
Dr. Emil Kendziorra (CEO, Tomorrow.Bio)

Bildnachweis: Tomorrow.Bio, VentureCapital Magazin, Pexels.

Mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus beginnt für die Gesundheits- und Biotech-Branche eine neue Ära – voller Unsicherheiten, aber auch Chancen. Die Trump-Regierung hat die National Institutes of Health (NIH) bereits stark beschnitten: Förderentscheidungen liegen auf Eis, ein Einstellungsstopp bremst die Arbeit, und Gutachtergremien pausieren. Die Forschung gerät dadurch massiv unter Druck. Gleichzeitig könnte die Ernennung von Jim O’Neill, einem Verfechter der Longevity-Forschung, zum stellvertretenden Gesundheitsminister neue Impulse setzen.

Doch Spannungen im Gesundheitsministerium scheinen vorprogrammiert. Der designierte
Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr., bekannt für seine impfkritischen Ansichten,
verfolgt eine Agenda, die O’Neill entgegensteht. Dieses Machtgerangel birgt Risiken, könnte
aber auch die Bedingungen für das Feld grundlegend verändern.

Jüngste Einschnitte beim NIH: Gefahr für Moonshot Longevity-Initiativen

Die Entscheidung der Trump-Administration, NIH-Förderungen bis mindestens Februar 2025 auszusetzen, trifft die biomedizinische Forschung ins Mark. Mit einem Budget von 47,4 Mrd. USD unterstützt das NIH über 5.000 Forschungsgruppen und zahlreiche klinische Studien. Besonders betroffen ist die Krebsforschung, die jährlich 7,1 Mrd. USD erhält. Die Verzögerungen gefährden nicht nur lebenswichtige Projekte, sondern auch Start-ups, die oft direkt oder indirekt auf NIH-Mittel angewiesen sind, um Longevity-
Technologien voranzutreiben.

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Der Stillstand hat weitreichende Folgen: Ohne die Arbeit der Gutachtergremien, die
Förderungen und Studien genehmigen, entstehen Finanzierungslücken. Projekte verzögern
sich, neue Technologien kommen später auf den Markt, und vielversprechende Vorhaben
könnten scheitern. Dabei hat die NIH-Förderung in der Vergangenheit bahnbrechende
Innovationen ermöglicht – von Antikörpertherapien bis zu Impfstoffen.

Die Einschnitte treffen eine Branche, die auf langfristige, risikoreiche Investitionen
angewiesen ist. Die weitreichenden Einschnitte lassen vor allem Unsicherheit entstehen.
Bleiben öffentliche Gelder aus, könnten auch private Investoren zögern, visionäre Moonshot-Projekte zu finanzieren – ambitionierte Vorhaben, die auf transformative Durchbrüche in der Longevity-Forschung abzielen.

Kennedy vs. O’Neill: Mögliches Machtspiel im Gesundheitsministerium

Das Gesundheitsministerium wird in den nächsten Jahren eine Schlüsselrolle bei der
Ausrichtung des Longevity-Sektors spielen. Nicht nur durch Förderung, sondern auch weil
die FDA (Food and Drug Administration) dem Gesundheitsministerium unterstellt ist. Doch
die Gegensätze zwischen Robert Kennedy Jr. und Jim O’Neill bergen Konfliktpotenzial, das
den Kurs des Ministeriums prägen könnte.

Kennedy lehnt wissenschaftliche Standards oft ab und stellt sich gegen Impfungen. Seine
Haltung könnte dazu führen, dass Gelder von innovativen Projekten abgezogen und in konservativere Programme umgeleitet werden – ein Rückschritt für Moonshot-Initiativen, die auf eine solide wissenschaftliche Basis angewiesen sind.

O’Neill verfolgt dagegen eine völlig andere Linie. Er will regulatorische Hürden abbauen und
Zulassungsverfahren beschleunigen. Diese Strategie könnte den Sektor beflügeln, indem sie Innovationen schneller auf den Markt bringt und Investoren ein attraktiveres Risiko-Rendite-Verhältnis bietet. Der Ausgang dieses Machtkampfs wird die Zukunft des Longevity-Marktes entscheidend prägen.

Chancen und Potenziale für Longevity

Trotz aller Unsicherheiten bleibt Longevity ein vielversprechender Wachstumssektor. Ziel ist
es, nicht nur das Leben zu verlängern, sondern die gesunden Jahre zu vermehren.
Technologien wie Gen-Editing, regenerative Therapien und präventive Medizin versprechen
enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile.

Ein flexiblerer regulatorischer Rahmen, wie ihn O’Neill fordert, könnte Innovationen
beschleunigen und schneller auf den Markt bringen. Die Chancen sind gewaltig: Bis 2030
könnte Longevity zu einer Schlüsselindustrie aufsteigen und Investitionen in Höhe von
Hunderten Milliarden US-Dollar anziehen.

Europa: Die Chance, eine Führungsrolle zu übernehmen

Die Unsicherheiten in den USA bieten Europa die Chance, im Longevity-Sektor eine
führende Rolle zu übernehmen. Mit stabilerer Politik und wachsender Unterstützung von
öffentlichen und privaten Investoren können europäische Start-ups und Forschungsinstitute
die Lücken füllen, die die Verzögerungen in den USA hinterlassen.

Strategische Partnerschaften zwischen europäischen und amerikanischen Akteuren könnten
Synergien schaffen, um den globalen Fortschritt im Longevity-Bereich zu beschleunigen.
Europa kann seine Innovationskraft mit dem Kapital und den Marktchancen der USA
verbinden und so eine Schlüsselrolle in der nächsten Welle der biomedizinischen Revolution
übernehmen.

Fazit

Die neuen Maßnahmen der Trump-Administration, besonders die Verzögerungen bei NIH-
Förderungen, bedrohen ernsthaft die Moonshot-Initiativen und die gesamte Longevity-
Forschung. Gleichzeitig eröffnet die Ernennung von Jim O’Neill Chancen für innovative
Impulse. Doch die Konflikte zwischen O’Neill und Kennedy könnten die strategische
Ausrichtung des Ministeriums dauerhaft beeinflussen – mit möglicherweise weitreichenden
Folgen für die Zukunft der Longevity-Initiativen.

Für Investoren und Innovatoren bleibt die Lage in den USA herausfordernd, aber auch voller Chancen. Europa kann nun die Unsicherheiten nutzen und eine Führungsrolle in der
Longevity-Forschung und -Industrie übernehmen. Der Schlüssel liegt in gezielter Förderung, langfristigen Strategien und internationaler Zusammenarbeit.

Über den Autor:

Dr. Emil Kendziorra ist der Gründer und CEO von Tomorrow.Bio, einem Berliner Startup,
das 2019 mit dem Ziel gegründet wurde, die Biostase-Forschung (auch bekannt als Kryonik) zu unterstützen und die Kryokonservierung von Menschen anzubieten. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Longevity.